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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Jugend, Bildung und Elitenformation in Tadschikistan



Der Bildungssektor in Tadschikistan erfährt derzeit einen gravierenden Wandel. Neben der Umgestaltung des staatlichen Bildungssystems haben sich insbesondere in den urbanen Räumen des Landes eine Reihe privater Bildungseinrichtungen vorwiegend aus dem westlichen und islamischen Ausland etabliert. Mit ihren säkular und/oder religiös-islamisch ausgerichteten Curricula bieten diese Einrichtungen lokalen Jugendlichen die Möglichkeit, Fremdsprachen sowie Kompetenzen in den Bereichen Ökonomie und moderner Technologie zu erwerben und an stipendiengeförderten Arbeits- und Studienprogrammen im westlichen und islamischen Ausland teilzunehmen. Gut vorbereitet für den erfolgreichen Wettbewerb in von marktwirtschaftlichen Prinzipien geprägten Erwerbssektoren finden Absolventen privater Bildungseinrichtungen schnell Zugang zu den neu entstandenen lukrativen Jobs, die in Tadschikistan, v.a. in der Hauptstadt Duschanbe, in der IT-Branche oder durch die zahlreich ansässigen internationalen Organisationen in den letzten Jahren entstanden sind. Als neue und junge ökonomische Elite gelten sie als wirtschaftliche Hoffnungsträger im Land und übernehmen häufig die Rolle als Alleinversorger ganzer Familien und Haushalte.

Muslimische Jugendliche in Tadschikistan mit derartigen Bildungs- und Erwerbsverläufen stehen im Mittelpunkt meines aktuellen Forschungsprojektes. Mit ihren Zukunftsplänen, durch ihre Mobilität in transregionalen Räumen sowie durch ihren Kontakt mit globalen Kulturgütern (Werte, Gedankengüter, Lebensstile) bilden sie eine Schnittstelle zwischen lokalen kulturellen und religiösen Traditionen auf der einen und individuellen Vorstellungen und Konzepten von Moderne und Modernität auf der anderen Seite.
 

Im Zentrum der Untersuchung: Identitätsentwürfe, religiöses Selbstverständnis und Islamkonzepte von Jugendlichen

In diesem Zusammenhang möchte ich untersuchen, welche Identitätsentwürfe diese Jugendlichen entwickeln, was für ein religiöses Selbstverständnis sie haben und welche Islamkonzepte sie vertreten. Dabei interessiert mich, wie die neuen Erfahrungen in transregionalen Kontexten die Sicht der Jugendlichen auf den eigenen kulturellen und religiösen Sozialisationshintergrund durch Familie und lokale muslimische Gemeinschaft beeinflussen und welche Spannungen und Konflikte innerhalb der Familien sich daraus ergeben.

Die stärkere Reflexion des eigenen kulturellen Hintergrundes ist zugleich gekoppelt an eine intensivere Auseinandersetzung mit der eigenen Religionszugehörigkeit und religiösen Erziehung. Hier ist die Frage spannend, in welchem Maße der Zugang zu alternativen religiösen Wissensquellen gegenüber den traditionellen lokalen islamischen Wissensautoritäten die Ausprägung individueller Glaubenskonzepte unter diesen Jugendlichen fördert?

Schließlich soll der Frage nachgegangen werden,  ob sowohl die Vorstellungen und Konzeptionen als auch die sozialen Praktiken der in den Blick genommenen Jugendlichen eine Art Elitismus erkennen lassen, der über die ökonomische Dimension hinausreicht, in neuen Konzepten von Wissen und den Formen seiner Aneignung gründet, und sich in kultureller oder gar religiöser Gestalt zeigt?