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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

MORI Ôgai, 1862–1922

Foto : Ogai in Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Auf einmal stand ich inmitten dieser neuen Metropole Europas. Welcher Glanz traf meine Augen, welche Farbenpracht verwirrte mein Herz!« (Maihime, 1890)

 

So beschrieb der junge japanische Mediziner Mori Rintarô seine Eindrücke, als er am 11. Oktober 1884 in Berlin eintraf. Wie viele Studierende seiner Generation war der 22-jährige als Regierungsstipendiat nach Übersee gereist. Es ging um den Erwerb modernen Wissens, das Japans Selbstbehauptung im »Strom der Weltgeschichte« sichern sollte.

Als Schriftsteller später unter dem Namen Ôgai bekannt, erhielt Mori den Auftrag, Hygiene und Heeressanitätswesen zu studieren. Bei Robert Koch, Max von Pettenkofer und anderen Koryphäen seiner Zeit tauchte er während des vierjährigen Deutsch­landaufenthalts (1884–88) in die faszinierende Welt der medizinischen Forschung ein. Von der freiheit­lichen Atmosphäre des universitären Lebens in Leipzig, Dresden, München und Berlin begeistert, be­schäftigte er sich nicht weniger intensiv mit euro­päischer Literatur, Philosophie sowie Kunst und machte »transkulturelle« Erfahrungen, die sein weite­res Leben prägen sollten.

»Tatsächlich bin ich, der ich nun nach Osten heimkehre, nicht der gleiche wie jener, der damals gen Westen fuhr« (Maihime, 1890)

Ins Inselreich zurückgekehrt, stieg Mori innerhalb von zwei Jahrzehnten zum Generaloberstabsarzt (1907), dem ranghöchsten Sanitätsoffizier des Heeres, auf. Der Japanisch-Chinesische (1894–5) und der Japanisch-Russische Krieg (1904–5) führten ihn nach Nordostasien und nach Taiwan. Unermüdlich setzte er sich dafür ein, die Relevanz so­wohl modernen als auch historisch überlieferten Wissens für ein Japan »im Umbau« kritisch zu prü­fen und eine Atmosphäre der Wissenschaftlichkeit zu begründen. Die Herausgabe und stetige Überarbei­tung des ersten Kompendiums der Hygiene in japani­scher Sprache (Eisei shinpen, 1897 f.) entwickelte sich zu einer der Lebensaufgaben.

»Seit damals bin ich der Überzeugung, daß irgend­wann einmal eine Zeit kommen wird, die in Japan geschaffenen Ergebnisse der Wissenschaft nach Europa zu exportieren« (Môzô, 1911)

Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst folgten be­deutende Ämter als Generaldirektor der Kaiserlichen Bibliotheken und Museen (1917) sowie als Präsident der Kaiserlichen Akademie der Künste (1919). Neben seinen beruflichen Pflichten entfaltete Mori eine um­fangreiche Publikationstätigkeit, die ihn als vielsei­tigen Literaten, passionierten Übersetzer und Kenner des intellektuellen Lebens in Europa ausweist. In ihrer öffentlichen Wirkung unübertroffen bleibt die autobiographisch inspirierte Novelle »Die Tänzerin/Das Ballettmädchen« (Maihime, 1890). Sie be­schreibt die tragische Liebesbeziehung eines japani­schen Studenten zu der Berlinerin Elis. Viele setzen den Text mit dem Beginn der modernen japanischen Literatur gleich. Die 1894 erstmals in eine europä­ische Sprache übersetzte Erzählung zählt indessen auch zur Weltliteratur (Seite des Manuskripts, rechts).

Außergewöhnlich war Moris Schaffen als Übersetzer und Vermittler westlicher Perspektiven auf die Welt. Er übertrug zahlreiche Schlüsselwerke der euro­päischen Literatur und Philosophie aus dem Deut­schen, darunter beide Teile des Faust am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Mit der maßgeblichen Über­setzung des Improvisators (H.Chr. Andersen) bezau­berte er Generationen japanischer Literaten. Auch die Begründung des modernen Theaters in Japan wäre ohne seine kompetente Vermittlung (u.a. G. Haupt­mann und H. Ibsen) kaum denkbar.

In der Mitte des Lebens engagierte sich Mori leiden­schaftlich für die Freiheit der Kunst und förderte eine jüngere Generation japanischer Literaten. Zahlreiche Erzählungen thematisierten in vollendeter Prosa die Möglichkeit einer wahrhaftigen Existenz, die japani­sche Identität und globalen Horizont vereint.

»Mir war, als ob es hinter dieser von mir gespiel­ten Rolle noch irgendetwas anderes geben müsse. […] mir kam der Gedanke, ob nicht jenes gewisse andere, das hinter diesen Rollen war, das wirkliche Leben sei.« (Môzô, 1911)

Unter dem Eindruck der politischen Ereignisse in der ausgehenden Meiji-Zeit wandte sich die »Symbol­figur« der europäisch-japanischen Begegnung im letzten Jahrzehnt ihres Lebens historischen Erzählun­gen und dem Genre der Biographie zu und ergrün­dete die conditio humana in Japans Geschichte.

 

Mori Ôgai. A Bibliography of Western-Language Materials. Compiled by Harald Salomon. Incorporating the Findings of Rosa Wunner, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2008. 178 S., 1 Abb. (Izumi 10).

Im Buchhandel erhältliche deutsche Übersetzungen der Werke Mori Ôgais