Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

(Reise-)literarische Begegnungen mit Indien. Möglichkeiten, Formen und Grenzen

Dissertationsprojekt von Julia Gutge-Brückner

 

Seit dem 16. Jahrhundert gibt es im deutschsprachigen Raum literarisch verarbeitete Imaginationen von Indien. Aus der bloßen Fantasie entsprungen und/ oder auf real unternommenen Reiseerfahrungen basierend, stellt Indien in der deutschsprachigen Literatur eines der meist beschriebenen Länder des „Orients“ dar. Umso verwunderlicher ist es, dass diese Indien-be-schreibungen in den deutschsprachigen Alteritätsdiskursen bis dato immer noch unzureichend erforscht sind. Eine umfassende kulturgeschichtliche Studie, die sich mit der analytischen Kategorisierung von Alteritäts(de-)konstruktionen mit (reise-)literaturhistorischer Topographie- bzw. Typographisierung befasst, ist bisher nicht erschienen, und dies, obwohl die zeitlich wechselnden Wahrnehmungen deutschsprachiger Reisender von Indien höchst spannende Wendungen unterlaufen: Indien war und ist gleichermaßen Paradies, Schatzkammer und spirituelle Heilstätte wie Armenhaus oder IT-Hochburg. Sehnsüchte und Abneigungen gegen das Land halten sich die Waage. Kein anderes Land scheint Reisende wie Schreibende so zu polarisieren, zu provozieren und zu inspirieren wie Indien.

Die Genese der (reise-)literarischen Indienbilder und ihre Variationen sind Gegenstand des Dissertationsprojektes. An exemplarischen Texten verschiedener AutorInnen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart wird nachvollzogen, wie kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Differenzen wahrgenommen werden und sich literarisch etablieren. Die analytischen Kategorien Raum, Zeit und Selbst leiten die Untersuchung. Die Dimension des Raumes umfasst dabei gleichermaßen Indien als Imaginationsraum mit seinen poetischen Geographien sowie Indiens realgeographische Strukturen. Die Dimension der Zeit ist gewinnbringend für die Untersuchung, da sie typische Zuschreibungen von einer vermeintlichen Rückständigkeit Indiens in sich vereint, wie sie für europäische Wahrnehmungsmuster des Orientalismus typisch sind. Die Dimension des Selbst untersucht die Funktionszuschreibungen von Eigen- und Fremdwahrnehmung im Alteritätsdiskurs.

Die These der Studie besagt, dass Indien als Kulisse für (reise-)literarische Fremd- und Selbstinszenierung im historischen Verlauf nicht an Attraktivität verloren hat, anhand der Berichterstattung hierüber jedoch eine Um- bzw. Neukartierung der analytischen Kategorien Raum, Zeit und Selbst nachzuvollziehen ist. Das gegenwärtige (reise-)literarische Schreiben über Indien zeugt weniger von sogenannter „aufgeklärter“ ORIENTierungssicherheit als vielmehr von postmoderner ORIENTierungslosigkeit.

 

 

Julia Gutge-Brückner studierte von 2002-2009 Bildende Kunst und Germanistik an der Universität der Künste Berlin (UdK) sowie an der Technischen Universität Berlin (TU) mit dem Abschluss 1. Staatsexamen. Von 2007 bis 2009 war sie wissenschaftliche Hilfskraft im Lehrgebiet Kulturjournalismus und Erziehungswissenschaft an der Universität der Künste Berlin (UdK). Im Jahr 2010 erfolgte nach einer kurzen Lehrtätigkeit im Berliner Schuldienst ein dreijähriger Auslandaufenthalt in Neu-Delhi mit einer Lehrtätigkeit an der Jawaharlal Nehru University (JNU) am Center of German Studies. Von 2014 bis 2016 hielt sie sich in Mexiko-Stadt auf und lehrte an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) an der Fakultät Filosofia y Lettras am Colegio de Letras Modernas. Seit dem Wintersemester 2016/17 läuft ihre Promotion mit dem Titel (Reise-)literarische Begegnungen mit Indien: Möglichkeiten, Formen und Grenzen am Lehrstuhl für Kultur und Gesellschaft Südasiens an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU).