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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Moralerziehung, Islam und Muslimsein in Tadschikistan zwischen Säkularisierung und religiöser Rückbesinnung


betreut von Prof. Dr. Chris Hann (Max Planck Institut für ethnologische Forschung Halle Saale), Prof. Dr. Anke von Kügelgen (Universität Bern)

gefördert durch die Volkswagenstiftung vom 01.09.2002 bis 30.11.2005, Graduate School Culture and Society in Motion, Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg von 01.10.2007 bis 31.03.2008




Die postsozialistische Transition brachte neben der Umgestaltung der zentralasiatischen Gesellschaften nach den Prinzipien der marktwirtschaftlichen Ökonomie und der demokratischen Staatsform auch Entwicklungen mit sich, die sich mit dem Zerfall sozialer Geflechte sowie sozialer Instabilität beschreiben lassen. Dies zusammen mit einem allgemeinen Verlust des Glaubens an die Ideologie des Sozialismus hat in den neuen zentralasiatischen Staaten eine Suche nach Werten ausgelöst, die zum einen aus der gefühlten „Krise der Moral“ führen und zum anderen gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken sollen. Diese Wertesuche ist Teil eines umfassenden dynamischen Selbstfindungsprozesses, bei welchem lokale, kulturelle, religiöse und nationale Identitäten neu ausgehandelt werden.

Im gegenwärtigen Tadschikistan haben dabei zwei Entwicklungen besondere Relevanz:

Erstens erweist sich die Moralisierung der Bevölkerung als ein zentraler Kristallisationspunkt in der Auseinandersetzung zwischen traditionellen, modernen, religiösen und säkularen Werten. Die sozioökonomischen Veränderungen sowie der Verlust sozialer Sicherheit und gesellschaftlicher Integrität insbesondere im Zusammenhang mit den blutigen Bürgerkriegsereignissen der Jahre 1992-97 bilden den Rahmen für die vehementen Forderungen nach einer moralischen Erziehung der Jugend in allen Bereichen der tadschikischen Gesellschaft.

Der entstandene Moraldiskurs trägt dem existierenden Wertepluralismus Rechnung: Die neue Bildungselite des Landes fordert eine Rückkehr zur „östlichen Moral“ der Vorväter. Mit der Rückbesinnung auf die klassische persische Kulturtradition soll das sowjetische Erbe mit seinen „fremden“ bzw. „russischen Werten“ überwunden und die Jugend wieder näher zu den Moralvorstellungen und Werten der vorsowjetischen Vergangenheit gebracht werden. Auch die gegenwärtige Regierung des Landes bedient sich aus dem moralischen Erbe der persischsprachigen Vorfahren, um die tadschikische Gesellschaft zu säkularisieren und die tadschikische Nationalidentität zu festigen.

Gleichzeitig resultiert die Anbindung Tadschikistans an internationale Märkte in einer verstärkten Orientierung an westlichen Lebensstilen. Schlagwörter wie Demokratie, Pluralität, Toleranz, individuelle Freiheit, Gleichberechtigung füllen zunehmend den öffentlichen Raum und wetteifern dort mit neuen Islaminterpretationen und traditionellen Vorstellungen von Muslimsein um die Deutungshoheit bei der Suche nach gesellschaftlich verbindlichen Werten.

Zweitens wird die religiöse Rückbesinnung, die seit der Liberalisierung der religiösen Sphäre im Zuge der Glasnost-Politik Gorbatschows und verstärkt seit der Unabhängigkeit Tadschikistans im Land stattfindet, insbesondere vom Kontakt mit der globalen islamischen Welt und neuen Zugangsformen zu islamischem Wissen getragen. Die damit verbundene „Objektifizierung“ religiösen Bewusstseins in der muslimischen Bevölkerung und die Ausdifferenzierung religiöser Ausdrucksformen in der lokalen Islamtradition zum anderen haben eine Neuverhandlung lokaler Konzeptionen von Islam und Muslimsein ausgelöst.

Vor diesem Hintergrund rückt die moralische Erziehung (tarbiya), wie sie in der sunnitisch-muslimischen Bevölkerung Dushanbes, der Hauptstadt Tadschikistans, stattfindet, in den Fokus der Untersuchung. Der lokalsprachliche Begriff tarbiya kennzeichnet einerseits ein Feld sozialer und moralischer Praktiken, die verschiedene Formen des Lernens und der Identifikation durch die Partizipation an verschiedenen kulturellen Manifestationen umfassen. Andererseits verbinden sich damit lokale Vorstellungen und Konzepte darüber, was eine moralische Person auszeichnet und wie junge Menschen daraufhin erzogen werden sollen.  
Den Kern moralischer Erziehung bildet die Vermittlung und Reproduktion von odob – Moral, Moralität, Sittlichkeit, Kultiviertheit. Das Erlernen und Praktizieren des damit verbundenen Korpus an sozialen Normen, Werten und moralischen Prinzipien ist ein wichtiger Aspekt geschlechterspezifischen Rollenverhaltens und bildet zudem das Fundament lokaler, religiöser und nationaler Identifikationen.


 
Untersuchung in den Bereichen Familie, Schule und Moschee

Moralische Erziehung in Tadschikistan ist eng verbunden mit dem Lebenszyklus. Dabei rückt der Zeitpunkt der einsetzenden Reife (baloghat) besonders in den Mittelpunkt der Untersuchung. Er markiert den Beginn eines wichtigen Stadiums in der moralischen Entwicklung junger Menschen, in dem lokale Geschlechterkonzeptionen, formale religiöse Wissensvermittlung und die Ausübung der religiösen Pflichten (namoz, rūza) zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die Untersuchung erfolgt in den Bereichen Familie, Schule und Moschee. Diese drei zentralen Sozialisationsinstanzen in der moralischen Entwicklung junger Menschen eignen sich hervorragend als Projektionsfläche der Konflikte zwischen traditionellen und modernen, religiösen und säkularen Werten: Sie bilden „moralische Räume“, in denen die verschiedenen Werte aufeinandertreffen, miteinander konfligieren und in die alltägliche Praxis der lokalen muslimischen Bevölkerung integriert werden.
In der familiären Erziehungspraxis findet sich ebenso wie in der Praxis privater religiöser Kurse (sabaq), die im häuslichen Bereich oder in der lokalen Moschee stattfinden, ein treffendes Beispiel, um die starke Überlappung der religiösen und moralischen Sphäre zu verdeutlichen: In der Familie sind moralische Lernprozesse eng mit lokalen Vorstellungen von Muslimsein und religiöser Praxis verknüpft. In den privaten religiösen Kursen (sabaq) ist die textbasierte islamische Wissensvermittlung untrennbar mit der Unterweisung in lokale moralische Kodes und Geschlechterkonzepte verbunden.

In staatlichen Schulen erfolgt moralische Erziehung gegenwärtig in Form zweier neu eingeführter Ethikfächer (Odobnoma, Odobi Oiladory). Über den schulischen Ethikunterricht werden junge Menschen mit einem säkularen Entwurf von odob konfrontiert, der Teil der nationalen Ideologie ist und Vorstellungen darüber, was „gute tadschikische Bürger“ bzw. „gute zukünftige Eltern“ auszeichnet, umfasst. Das Nebeneinander moralischer Erziehung in der religiösen und säkularen Sphäre führt zu der Frage, welche moralischen Inhalte in staatlichen Schulen als „säkular“ präsentiert werden und inwiefern diese Inhalte Bezug auf die muslimische Mehrheit der tadschikischen Gesellschaft nehmen.



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