Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

09.12.: „Nach all dem hatte ich gestrebt“. Richard Neutra und Japan

Vortrag von Dr. Andreas Nierhaus
Richard Neutra, Ohara House, 1961, © Schreyer David

Richard Neutra, Ohara House, 1961, © Schreyer David

 

Im Mai 1930 machte sich der seit 1923 in den USA lebende, in Wien aufgewachsene Architekt Richard Neutra (1892-1970) auf eine Reise zurück nach Europa. Im deutschsprachigen Raum hatte sich Neutra durch Bücher über amerikanische Architektur einen Namen gemacht; mit dem 1929 fertiggestellten "Lovell Health House" in den Hügeln oberhalb von Los Angeles konnte er nun auch einen spektakulären Bau vorweisen, der - erstmals in Amerika - die Möglichkeiten eines konsequent funktional und technisch-konstruktiv begründeten, mit der Natur verbundenen "Neuen Bauens" in vollem Umfang demonstrierte. Die Reise war als Vortragstournee geplant, mit der Neutra seinen internationalen Ruhm begründen sollte - sie half aber auch, eine durch die Weltwirtschaftskrise und den Mangel an Aufträgen ausgelöste finanzielle Durststrecke zu überbrücken.

Eine Einladung, auf dem Weg nach Europa auch in Japan Vorträge zu halten, führte dazu, dass Neutra die längere Route über den Pazifik wählte. Die notgedrungene Kürze des Aufenthalts in Japan tat der Dichte des Besichtigungsprogramms ebenso wenig Abbruch wie der Intensität der Eindrücke, die der Architekt dabei gewann. In ihrer Normierung, Typisierung und gestalterischen Reduktion erschien Neutra die Baukunst des traditionellen japanischen Wohnhauses gleichermaßen vertraut, wie ihm die Rituale, die sich darin abspielten, fremd waren. Neutras Blick auf Japan war zwar durch die im späten 19. Jahrhundert einsetzende intensive westliche Rezeption japanischer Kunst beeinflusst, im Vordergrund stand bei ihm jedoch ein geradezu anthropologisches Interesse an den Grundlagen moderner Architektur. Nachdem er sich bereits mit den Bauten der Pueblo-Indianer im Südwesten der USA auseinandergesetzt hatte, fand Neutra auch in Japan weitere Parallelen zu seinen eigenen architektonischen Absichten: „Alles war so unglaublich anders als meine eigene bisherige Umwelt und dennoch meinen Empfindungen über die Behandlung von Raum und Natur so nah" resümierte er dreißig Jahre später in seiner Autobiographie, und sah sich in seinen Zielen durch die in vielen Jahrhunderten verfeinerte, Bauen und Leben verschmelzende kulturelle Praxis bestätigt: "Nach all dem hatte ich gestrebt".

Der Vortrag folgt den Spuren, die dieses frühe Japan-Erlebnis im architektonischen Denken Richard Neutras hinterlassen hat. Er beleuchtet sowohl die für den jungen Neutra prägende Japan-Rezeption im Kontext der Wiener Moderne, als auch die Auseinandersetzung mit Japan innerhalb des Neuen Bauens um 1930. Ausgehend von drei Beiträgen über traditionelles und neues Bauen in Japan, die Neutra 1931 in der Berliner Zeitschrift "Die Form" veröffentlichte, sowie den zahlreichen Japan-Bezügen in seinen autobiographischen und theoretischen Schriften, wird auch nach dem konkreten Einfluss auf die Bauten des Architekten gefragt. Das japanische Haus, so scheint es, diente Neutra zugleich als konkretes gestalterisches Vorbild wie auch als willkommene historisch-kulturelle Folie zur Legitimation seiner eigenen architektonischen Grundsätze, die er später im Konzept des "Biorealismus" zusammenfassen sollte.

 

Es handelt sich um einen Beitrag zur Vortragsreihe "Architekturen der Begegnung", die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität organisiert wird.

 

Der Vortrag findet digital über Zoom statt. Klicken Sie zur Teilnahme auf folgenden Link:

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Andreas Nierhaus: Studium der Kunstgeschichte und Geschichte in Wien; 2005-2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; seit 2008 Kurator der Architektursammlung des Wien Museums; 2019 Vertretungsprofessur für Kunstgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Forschungsschwerpunkte: Architektur im 19. und 20. Jahrhundert, Medien der Architektur, Architekturzeichnungen; Ausstellungen und Publikationen unter anderem über die Wiener Werkbundsiedlung (2012), die Wiener Ringstraße (2015), Otto Wagner (2018, 2020) und Richard Neutra (2020).