Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Mori Ôgai als Lehrer für künstlerische Anatomie

Ôgai an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst, von Medizin und Malerei/Bildhauerei, als Begründer des Lehrfaches "Plastische Anatomie" in Japan (mit Kume Kei'ichirô). Was sind die inneren Landschaften der Schönheit?


Das Oeuvre des homme de lettres und Arztes Mori Ôgai (1862-1922) bietet viele Zugänge. Allein die Facetten seines Wirkens an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft sind vielfältig und hierzulande kaum bekannt. Schon kurz nach seiner Rückkehr aus Deutschland (1884-88), wo er nicht nur in den Laboren von Pettenkofer und Koch zur Hygiene forschte, bei Virchow Rat suchte oder im 2. Garderegiment zu Fuß sezierte, sondern auch im Atelier eines Gabriel von Max verkehrte und eifriger Besucher von Ausstellungen war, hatte er in öffentlichen Kunstdebatten und als Koryphäe für deutsche Ästhetik in seiner Heimat Aufmerksamkeit erregt. Okakura Tenshin, der damaligen Rektor der Tokioter Kunstschule (heute Universität der Künste Tokio) bat den Militärarzt, ab 1891 dreimal wöchentlich Anatomie zu unterrichten für angehende Künstler der europäischen Malerei und Bildhauerei. Später kamen Kurse zur Ästhetik und europäischen Kunstgeschichte hinzu. Ôgai erscheint in Uniform und mit Säbel, geht akademisch vor und versucht im Zeitraffer das zu vermitteln, womit sich die europäische Kunst bereits seit Leonardo da Vinci auseinandersetzt: der Wiedergabe der Schönheit des menschlichen Körpers und dessen, was dahinter liegt. Aus seinen Vorlesungsmanuskripten erstellt er um 1897 das erste Lehrbuch „Anatomie für künstlerische Zwecke“, das einen Überblick über alle für die Kunst wichtigen Bereiche des Körpers gibt. Hierbei orientiert er sich an J. Kollmanns „Plastischer Anatomie“, Leipzig 1886. Für beide ist der Schwerpunkt bei Bewegungen ein zentrales Thema. Abweichend von Kollmann vergleicht er die Proportionen der Europäer und Japaner. 1898 erscheint er als Co-Autor der Einführung „Malutensilien für europäische Malerei“.  Zuordnung und Gebrauch des Handwerkzeugs sind für die moderne japanische Malerei in dieser Umbruchperiode ebenso elementare Themen, wie Anatomie oder die sinnlich-ästhetischen Aspekte der Kunst. Sich überhaupt über Kunst nach europäischem Vorbild zu verständigen, verlangte ihm eine Vielzahl von Sprachkreationen ab,  z.B. für die Begriffe „Modell“ oder „Atelier“. Nach langwierigen Korrekturen gibt er 1902 gemeinsam mit Kume Kei’ichirô, der in Paris Kunst studiert hatte, den umfassenden Band „Plastische Anatomie (Abhandlung über Knochen)“ heraus. Ôgai gilt heute in Japan als Begründer des Faches Künstlerische Anatomie - durch wissenschaftliche Publikationen und Lehre gleichermaßen, quasi nebenberuflich.
In Zusammenarbeit mit der Universität der Künste Tokio, kuratiert von Beate Wonde und Prof. FUSE Hideto.

 

31. 8. 2013 bis 14. 3. 2014
Mori-Ôgai-Gedenkstätte