Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Humboldt-Universität zu Berlin | Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät | Institut für Asien- und Afrikawissenschaften | Regionale Fachbereiche | Seminar für Südasienstudien | Forschung | Forschungsprojekte | Aktuelle Forschungsprojekte | Edition und Übersetzung der Sanskrit-Inschriften der frühmittelalterlichen Rastrakuta-Dynastie von Manyakheta (8. bis 10. Jahrhundert)

Edition und Übersetzung der Sanskrit-Inschriften der frühmittelalterlichen Rastrakuta-Dynastie von Manyakheta (8. bis 10. Jahrhundert)

Ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von PD Dr. Annette Schmiedchen
Die Rastrakutas, die von der Mitte des 8. bis zum Ende des 10. Jahrhunderts über ein Gebiet von ca. 450.000 km2 in Zentral- und Westindien herrschten, waren eine der einflußreichsten frühmittelalterlichen indischen Dynastien. Zeitgenössische arabische Quellen (z.B. Akhbar Al-Sin wa’l-Hind) zählten sie – neben den Kalifen sowie den Kaisern von Byzanz und China – zu den mächtigsten Herrschern der damaligen Welt. Wegen der Bedeutung des Rastrakuta-Reiches stellt eine Gesamtedition der ihm zuzurechnenden Inschriften, d.h. der wichtigsten Quellen, ein besonderes Desideratum dar. Da es sich bei den über 300 bekannten Rastrakuta-Inschriften um eine sehr umfangreiche und heterogene Quellengruppe handelt, ist Ziel des Projektes, das Kernstück, die etwa 80 Sanskrit-Kupfertafelurkunden und -Steininschriften der Rastrakutas, in Form eines Corpusbandes neu bzw. erstmals zu edieren und ins Englische zu übersetzen.
 
Grundvoraussetzung für die Historiographie des vormodernen (vor allem des vorislamischen) Indien ist die Sammlung der epigraphischen Quellen und die Erstellung verläßlicher Texte. Die Gesamtzahl der in Indien gefundenen Inschriften beläuft sich auf einige zehntausend. Um sie systematisch zu erschließen, wurde bereits 1877 das Corpus Inscriptionum Indicarum ins Leben gerufen. Weder dessen sieben seither erschienene Bände noch die acht in jüngerer Zeit vom Indian Council of Historical Research publizierten Inschriftencorpora erfassen jedoch die Rastrakuta-Inschriften, denen sich dieses Projekt widmet.
 
Der epigraphische Bestand zeigt, daß es sich bei den Rastrakuta-Inschriften – im Unterschied zu den meisten in den vergangenen Jahren herausgegebenen Corpora einzelner Dynastien – um eine sehr umfangreiche und relativ vielschichtige Quellengruppe handelt. Diese eine Gesamtedition erschwerende Materiallage hängt sowohl mit der enormen territorialen Ausdehnung des Rastrakuta-Reiches als auch mit dem sehr breiten epigraphischen Spektrum zusammen. Letzteres reicht von auf mehreren Kupferplatten eingravierten königlichen Urkunden in Sanskrit bis zu einzeiligen privaten Steininschriften in frühen Regionalsprachen. So steht den etwa 75 (langen) Sanskrit-Kupfertafelurkunden der Rastrakutas ein Drei- bis Vierfaches an (kurzen) kanaresischen Steininschriften gegenüber, die auf deren Herrschaft Bezug nehmen und aus Nord-Karnataka stammen.
 
Aus folgenden Gründen erscheint es sinnvoll und zugleich auch notwendig, eine Edition des gesamten Rastrakuta-Materials mit einer Ausgabe aller bekannten Sanskrit-Inschriften zu beginnen: (1) Die auf Sanskrit geschriebenen Inschriften sind die wichtigsten / zuverlässigsten Quellen zur Geschichte des Rastrakuta-Reiches, zumal aus Maharashtra und Gujarat für den betreffenden Zeitraum ausschließlich Inschriften in Sanskrit zur Verfügung stehen. (2) Den Genealogiepassagen der Kupfertafelurkunden, der bei weitem größten Teilgruppe innerhalb der Sanskrit-Inschriften der Rastrakuta-Dynastie, scheinen standardisierte Vorlagen zugrunde gelegen zu haben, die im Laufe der Zeit politisch intendierte Modifizierungen erfuhren. Diese besondere Urkundenstruktur kann nur erkennbar gemacht werden, wenn das Material in einer vergleichenden Gesamtschau präsentiert wird. (3) Die Tradition, offizielle Sanskrit-Urkunden nach bestimmten, relativ homogenen Kriterien formaler und inhaltlicher Natur zu verfassen und in Kupferplatten einzugravieren, war ein panindisches Phänomen und Ausdruck einer überregionalen Inschriftenkultur. Auch deshalb bietet es sich an, die Erschließung des Bestandes dieser Inschriftenkategorie an den Anfang zu stellen und sich erst in einem zweiten Schritt den anderen, heterogeneren epigraphischen Medien aus der Rastrakuta-Zeit, d.h. den kanaresischen und anderen Inschriften, zuzuwenden.
 
Ausgangspunkt der Arbeit waren die bereits vorliegenden Einzeleditionen der Inschriften und Urkunden und die ihnen beigegebenen Abbildungen sowie andererseits die Originale, deren Aufbewahrungsorte bekannt sind bzw. in Erfahrung gebracht werden konnten. Nur etwa 30 Prozent der publizierten Einzeleditionen von Sanskrit-Inschriften der Rastrakutas bieten eine Übersetzung der jeweiligen Texte. In dem Projekt sollen vollständige Editionen und englische Übersetzungen der gesamten Inschriftentexte entstehen, um diese wichtige Quellengruppe als Gesamtcorpus für vergleichende historische, religions- und verwaltungsgeschichtliche sowie für sprachwissenschaftliche Forschungen zu erschließen.
 
Die aus Edition, Übersetzung und einer Einführung in die Besonderheiten der Rastrakuta-Epigraphik, in Darstellung und Patronat der Könige dieser Dynastie bestehende Monographie, die Abbildungen der bisher nicht publizierten Inschriften enthalten wird, soll in englischer Sprache erscheinen, um sie auch indischen Epigraphikern und Historikern zugänglich zu machen.