Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Kewpie - der älteste "character" der Welt

 

Mai - Oktober 2006

 

Nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst 1917 wird Mori Ôgai (1862-1922) zum Generaldirektor des Kaiserlichen Hofmuseums ernannt. In dieser Funktion reist er am 3. November 1918 nach Nara und Kioto. Seiner Tochter Anne kauft er zum Abschied eine Kewpie-Puppe - Umfragen zufolge waren die "Kyûpî" genannten Puppen 1917 das beliebteste Weihnachtsgeschenk für japanische Mädchen

 

kewpie.jpg

Nach den neuesten Gesetzen der Mode muß jedermann seinen eigenen Schutzengel haben, den er, um seiner Sache ganz sicher zu sein, für alle vorkommenden Fälle auch gleich bei sich trägt."

Durch die Engpässe des I. Weltkrieges und ein Schiffsunglück kam die Produktion in Deutschland nach einigen Jahren zum Erliegen.

Japan, das ursprünglich nur für ein Jahr die Lizenz erhalten hatte und den Bedarf durch zusätzliche Importe aus Deutschland deckte, stieß blitzschnell an die Weltspitze vor. 1927-1937 wurden 70 -80% des weltweiten Zelluloid-Spielzeugs in Japan hergestellt. Kewpies wurden zum preiswerten, für jedermann erschwinglichen Maskottchen und Symbol dieses wirtschaftlichen Erfolgs. Es heißt, daß es bis in die Nachkriegszeit in jedem Haushalt mit Kindern auch eine Kewpie-Puppe gegeben habe. Mit Kewpie-Puppen lernte man Babys windeln, selbst im Schwimmunterricht wurden sie eingesetzt.

Die ersten von Rose-O'Neill entworfenen Puppen waren die "Standing Kewpie" und "The Thinker" - eine Nachbildung von Rodins bekanntem Werk. Später folgten Gruppen von "Action Kewpies". Während man sich in Deutschland streng an die Vorgaben der "Mutter der Kewpies" hielt, gab es in Japan von Anfang an Abwandlungen bis hin zu Japanisierungen in Form von Kabuki-Kewpies, Sumo-Kewpies oder Kewpies in traditionellen Festgewändern. Auf Postkarten erschein Kewpie nicht nur mit dem Weihnachtsmann oder als Stellvertreter des heiligen Kindes, auf Neujahrkarten begleitet er ebenso selbstverständlich das jeweilige Jahrestier aus dem chinesischen Kalender. Aus der Produktwerbung ist Kewpie nicht mehr wegzudenken, ganz bekannt ist die Kiupi-Mayonnaise, aber auch für Baby-Nahrung flimmert Kewpie allabendlich über den Bildschirm und als Mischform Kewpie-Doraemon oder Kewpie-Ultraman ist Kewpie heute in die japanische Popkultur integriert.

In Amerika erfreuen sich Kewpies bei Sammlern noch der Wertschätzung des Kenners, in großen Spielzeugkaufhäusern sind sie jedoch völlig unbekannt. In Deutschland sind Kewpies, die 2009 bereits ihren 100. Geburtstag feiern, vergessen und selbst in einschlägigen Museen - außer im Puppenmuseum Waltershausen - weder bekannt noch vorhanden. Obwohl sie ihre einstige Vormachtstellung in Japan inzwischen mit Hello Kitty, Doraemon, Totoro, Ultraman u.a. Idolen teilen müssen, waren sie nirgendwo so massenhaft verbreitet und sind sie nirgendwo so sehr Teil der Populärkultur wie in Japan. Ihre Geschichte ist nicht nur ein Kapitel deutsch-japanischer Wirtschafts- und Kultur-Geschichte, sondern auch ein besonders niedliches Beispiel einer Objektgeschichte. Kewpie - das ist der älteste "character" der Welt, noch lange vor Donald Duck und Mickey Mouse. Das "Kewpieville", das Rose O'Neill für ihre "funny, roly-poly creatures" entwarf, gilt heute als Vorläufer der Disneylands u.a. Themaparks. 
Ausstellung und Text: Beate Wonde

Die Ausstellung wurde angeregt durch eine Seminararbeit der Japanologin Elena Polzer. Die ausgestellten Exponate und Bildmaterial stellte die Firma Rose O'Neill Kewpie Japan großzügig zur Verfügung.
(Dank an das CMS der Humboldt-Universität!)

Die Kewpie-Ausstellung der Gedenkstätte wurde der Stadt Ohrdruf geschenkt und am 13. Oktober 2007 anläßlich der Puppenbörse im Schloß Ehrenstein in Ohrdruf als Teil der Dauerausstellung zur Geschichte der Puppen- und Spielzeugproduktion eröffnet und durch Ankäufe sowie in Ohrdruf gefundenes Material erweitert.


koehler_ohrdruf.jpg

 
Am 4. Juni 2008 besuchten Bundespräsident Köhler und Thüringens Ministerpräsident Ohrdruf die Ausstellung.
Die Bürgermeisterin überreichte den Gästen Kewpie-Puppen und erläuterte deren Geschichte und Bedeutung für den Ort.