Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Die Terroranschläge in Paris - ein reflexiver Kurzessay

Judith von Plato
 

Am Morgen des 14. November, einen Tag nach den Terroranschlägen in Paris, erhielt ich eine Email eines mexikanischen, ehemaligen Kommilitonen von mir. Darin bot er mir, auch in Namen seiner Familie, eindringlich an, ich könne mich jederzeit mit meiner ganzen Familie bei ihm in Mexiko in Sicherheit bringen.

Für jemanden, der die Mediendarstellungen der letzten Jahre gewohnt ist, kommt dies wohl wie der Innbegriff der verkehrten Welt vor. Europäer müssen sich vor dem Terrorismus in sicherere Gebiete wie Mexiko flüchten. Nur so können sie dem direkten Sicherheitsrisiko entgehen, jeden Moment von einem Islamisten in die Luft gesprengt zu werden. Doch wer in den letzten zehn Tagen die Medien zum Thema der Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris verfolgt hat, dem scheint, als sei genau dies das Bild, das nicht nur von den meisten Medien hier geschaffen wird, sondern das um weite Teile der Welt geht. In Paris kamen 130 Menschen ums Leben, mehrere Hundert wurden verletzt. Das ist ein schreckliches Ereignis, das nicht kleingeredet werden darf, aber wie es in den Medien inszeniert wird und welcher Bedeutung ihm beigemessen wird, steht in keiner Relation. Anschläge in Beirut und Bagdad am selben Tag, ein Anschlag in Bamako, Mali, diese Woche - um nur ein paar Beispiele zu nennen - sind in den Medien kaum präsent. Wurde in den letzten Tagen in irgendeinem Land Solidarität für eine dieser Städte bekundet? Nein, stattdessen waren symbolische Bauwerke in den französischen Nationalfarben illuminiert in Städten von Berlin, über Sidney, Shanghai, Tel Aviv, Kuala Lumpur, Rio de Janeiro, Santiago de Chile bis hin zu  Toronto und New York City.

Das soziale Netzwerk Facebook bot die Möglichkeit, das eigene Profilfoto sozusagen als Miniatur-Brandenburger Tor und Solidaritätsbekundung mit Blau, Weiß, Rot  zu hinterlegen. Außerdem installierte es einen Button, von dem Gebrauch gemacht werden konnte von Leuten, die zurzeit in Paris wohnen und so ihre dankbaren Mit-User informieren konnten, wenn sie in Sicherheit waren.

Wenn man Anschläge in Paris googelt, stößt man mit einem Klick auf einen Wikipedia-Artikel, der mit einer solchen Fülle an Informationen bereichert ist, dass er einen größeren Umfang hat als der Wikipedia-Artikel über den Kalten Krieg. Er suggeriert dem Leser mit dem Einschub, „kurz auch: Paris-Attacken“ zudem, wie die Terroranschläge genannt werden. Wikipedia stützt diese Aussage sicherlich auf weiträumige sprachwissenschaftliche Studien der letzten 10 … Tage? Dank Wikipedia wissen wir so zumindest, wie die Geschehnisse umgangssprachlich genannt werden und wie wir sie zu nennen haben, damit auch nicht eine angemessene Portion an Brutalität in einem neutraleren Wort verloren ginge.

Auch bei seriöseren Medien wie tagesschau.de nehmen die „Paris-Attacken“ auch in der folgenden Woche noch einen großen Teil ein. Die Sparte „Nach Terrorattacken von Paris“ beinhalten die Schlagzeilen „Sprengstoffgürtel in Paris entdeckt“, „US-Regierung warnt Bürger“, „Angst vor Anschlägen in Brüssel - Belgien bleibt bei Warnstufe 4“. Was sagt diese Rubrik aus? Man könnte darin die indirekte Botschaft sehen, dass Paris, die USA und Belgien, stellvertretend für den restlichen Teil Europas, als eine „Gruppe“ beziehungsweise Gemeinschaft, dem „Westen“, zusammengefasst werden. Da nun im Westen die akute Gefahr des Terrorismus besteht, muss er sich jetzt also gemeinsam gegen den Islamismus wappnen. Immerhin können all diejenigen aufatmen, die der Flüchtlingsdebatte in den Medien bereits müde waren: auf dem von tagesschau.de selbst erstellten Top 10-Ranking der beliebtesten Artikel ist der Artikel zu Flüchtlingszahlen hinter Berichte zu den Pariser Geschehnissen auf Platz drei gerutscht. Das ist allerdings nur ein kurzer Effekt, denn wie zu erwarten war und wie in den Medien bereits zu spüren ist, bieten die Anschläge aus Sicht von vielen Flüchtlingsskeptikern ein weiteres Argument für mehr Abschottung und Sicherheit.

Ein weiterer interessanter Bericht auf tagesschau.de beschäftigt sich mit dem Thema „Gefährder“ und Maßnahmen gegen Islamisten. Darin weist der Journalist auf den alarmierenden Anstieg von Gefährdern in Deutschland hin: seit 2011 habe sich die Zahl von 130 Gefährdern auf 427 vervielfacht. Für all diejenigen, die sich fragen, was ein Gefährder eigentlich sei, gibt der Autor folgende Definition: ein potenzieller Terrorist, bei dem „bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass  sie [die Person] politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen wird." Dieser Artikel stellt ein perfektes Beispiel dar für Ian Hackings Theorie „Making up People“[1], die u.a. von Foucault geprägt ist. Darin thematisiert Hacking, wie Kategorien von Menschen entstehen, denen im öffentlichen Bewusstsein gemeinsame Eigenschaften zugeschrieben werden, die wiederum das Handeln und Denken der Menschen innerhalb und außerhalb der Kategorie stark beeinflussen. Die Kategorisierungen machen es der Gesellschaft leichter, Handlungsleitlinien für den Umgang mit und der Abfertigung bestimmter Menschen und Gruppen zu entwickeln. Die ersten Prozesse bei der Entstehung seien es, die Menschen zu zählen, zu messen und dann Normen zu kreieren. All dies wird hier sichtbar. Die Zahl der Gefährder ist zu dem jetzigen Zeitpunkt „so hoch wie noch nie“. Der Autor stellt sich allerdings nicht die Frage, ob dies mit einer tatsächlichen Erhöhung des Risikos zusammenhängt oder ob momentan aufgrund eines höheren Bewusstseins und Aufmerksamkeit für diese Thematik mehr Menschen als Gefährder kategorisiert werden.

Auch bei aljazeera sind die Terroranschläge in Paris sehr präsent in der Berichterstattung, allerdings bereits weniger stark als nun noch in vielen deutschen Medien. Dafür beschäftigen sich einige Artikel mit Reaktionen Hollandes auf die Geschehnisse am 13. November 2015. Hollande wird zitiert mit dem Ausspruch, dass sich Frankreich im Krieg befinde. Darauf gibt es Diskussionen bei aljazeera, mit wem Frankreich überhaupt Krieg führe? Dies spricht für eine deutlich stärkere Distanz aljazeeras zu den Ereignissen. Auch typische Diskussionen zu Sicherheitsvorkehrungen, die nun getroffen werden müssten, fehlen nicht und sind ein Beispiel für die altbekannte Reaktion auf Ereignisse dieser Art: die Entfachung einer Debatte über Sicherheit und Freiheit. Wie sehr darf Freiheit zugunsten der Sicherheit eingeschränkt werden? Außerdem wird thematisiert, dass nach den Anschlägen direkt französische Luftangriffe gegen den IS ausgeführt und intensiviert worden seien. Hollande präsentiert sich im Angesicht des Terrors demnach als starkes Oberhaupt im Kampf gegen den IS. Welche Rolle spielen in seiner Reaktion die Medien? Wird sein Handeln von seiner Einschätzung beeinflusst, welche Konsequenzen es für sein Image und seine Wiederwahl haben könnte?

Etwas anders und doch sehr passend werden die französischen Luftangriffe von der Satirezeitung „Der Postillon“ mit der Schlagzeile bedacht: „Französische Kampfjets bringen Gewalt wieder dahin, wo sie hingehört".

Dies wird, wie auch an den Beispielen in diesem Essay gezeigt, von dem Großteil der Medien anders dargestellt. Wir Europäer müssen näher zusammenrücken im Kampf gegen den Terrorismus. Angst um unsere Sicherheit sei berechtigt. Selbstverständlich sind die Pariser Anschläge erschütternd und dies wird noch verstärkt durch Frankreichs geographische und offenbar auch psychologische Nähe als Teil Europas. Viele hier identifizieren sich mit den Opfern in Paris. Gleichwohl sind die Anschläge deswegen nicht von größerer Bedeutung, hat ein Opfer in Paris keinen größeren Wert als ein Mensch in Syrien, um es pathetisch auszudrucken.

Nun bleibt abzuwarten, ob dieser Eindruck, den eine Vielzahl der Berichterstattungen hinterlassen haben, Europa sei in höchster Gefahr, weiter bestehen bleibt. Und wenn es in Zukunft tatsächlich zu dem Fall kommen sollte, den die Medien schon jetzt inszenieren, bleibt nur zu hoffen, dass uns El Chapo und andere Drogenbosse künftig mit offenen Armen in Mexiko empfangen.
 


Zur Autorin:

Judith von Plato verfügt über einen Bachelorabschluss in Psychologie, im Zweitstudium studiert sie Regionalstudien Asien/Afrika am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften (Humboldt-Universität zu Berlin). Sie lernt Arabisch, hat jedoch keinen regionalen Schwerpunkt im Studium, da ihre Interessen breit gefächert sind.



[1] Making up People. In: T. Heller, M. Sosna, D. Wellbery (Hrsg.): Reconstructing Individualism, Stanford University Press, Stanford 1986, S. 222-236