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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Essay zur Mediennutzung

Joshua Woller


Ich selbst habe kaum Berichte über die Anschläge und ihren Tathergang gelesen, bzw. gesehen. Hauptsächlich habe ich die Schlagzeilen mit steigender Opferzahl und den Bemühungen der Behörden zur Aufklärung des Verbrechens gelesen, bzw. auf Anzeigetafeln in der Öffentlichkeit und an Zeitungskiosken gesehen. Auf den Titelseiten sieht man Fotos der Tatorte oder unscharfe Fahndungsbilder. Wirkliche Information steckt aber nicht dahinter. Verunsicherung, Furcht und Trauer beherrschen die frühe Berichterstattung und außer eigene Sorge und Wut hervorzurufen, würde die Auseinandersetzung damit wenig nützen.

 

Eher lese ich Berichte über die (technischen) Hintergründe und die angemahnten politischen Konsequenzen, denn diese können das zukünftige Zusammenleben in den Gesellschaften stark beeinflussen. Zudem empfinde ich die Berichte hier als weniger emotional und effekthaschend, die Beiträge reihen sich in bestehende Diskurse ein und ergeben so einen tieferen Sinn als bloße Zustands- oder Ereignismeldungen.

 

Playstation, Telegramm und die Dämonisierung der Kryptographie

Im Rahmen der Berichterstattung wurde auch immer wieder der politischen Forderung zur Stärkung der Geheimdienste ein Kanal gegeben. Angetrieben war dies durch Berichte, dass die Terroristen entweder über schwer zu überwachende Spielkonsolen kommunizieren oder ihre Kommunikation digital abhörsicher verschlüsselt über das Internet abwickeln. Solange die Ermittlungen noch andauern und weiterhin große öffentliche Verunsicherung besteht, sind solche spekulativen Berichte mit mangelhafter Quellenlage im Grunde unverantwortlich, gaukeln sie doch einfache Lösungen vor, wo die Faktenlage unklar und teils widersprüchlich ist. So scheint zumindest ein Teil der Kommunikation der Terroristen als Klartext-SMS vorzuliegen, ein Mangel an Befugnissen oder Werkzeugen der zuständigen Behörden kann also nicht alleiniger Grund für deren Scheitern sein. Dieses Thema wird erst allmählich aufgegriffen und ist zumindest in vielen deutschen Zeitungen überschattet von den momentanen Ereignissen in Belgien und den zunehmenden Anti-Terror-Maßnahmen in zahlreichen Ländern der Welt.

 

Der Nachrichtenwert und die Rolle der Recherche
 

Die Berichterstattung zu den Anschlägen in Paris zeigt einmal mehr, wie und in welchem Umfang Nachrichten berichtenswert werden. Die Ereignisse in Paris scheinen beinahe alle Kategorien klassischer Nachrichtenwerttheorien wie regionale und emotionale Nähe, Überraschung, Konflikt, Drama, Beteiligung  oder (selbst periphere) Betroffenheit Prominenter  sowie das Potential zur Stereotypisierung bestimmter Gruppen zu erfüllen.

 

Diese Art der Nachrichtenwahl hat leider Methode, und darin sehe ich eine Gefahr. Der Fokus auf Ereignisjournalismus lässt allmählich wachsende Probleme bis zu ihrer katastrophalen Wendung außen vor, lässt das Geschehen so als plötzlich und unvorhersehbar erscheinen. Zukünftige Entwicklungen, die den Alltag vieler Menschen massiv verändern werden, wie die zunehmende Automatisierung und demographische Veränderungen, gehen so unter. Keineswegs möchte ich für eine Relativierung von Terrorismus plädieren, denn er bewirkt ganz konkrete Verunsicherung und Ängste in vielen Menschen, die adressiert werden müssen. Eine Aufgabe verantwortungsvoller Medienanbieter muss es jedoch auch sein, Konsumenten ein möglichst umfassendes, ausgewogenes Bild zu vermitteln und nicht primär emotionale Affekte zu bedienen. Dies scheint mit momentanen Logiken der Nachrichtenauswahl schwer vereinbar.

 


Zum Autor:

Joshua Woller studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin Europäische Ethnologie und Medienwissenschaft und momentan interessiert ihn, wie der exponentielle Anstieg verfügbarer Information und die durchdringende Wirkung von Automatisierung und Digitalisierung Alltag, Arbeit und Gesellschaft verändert.

 

 

 

 

 

 

 



© Joshua Woller privat