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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Kurzessay über eigenes Medienhandeln und Medienberichterstattung über Anschläge in Paris

Meiken Hindenberg

 

Von den Pariser Terroranschlägen habe ich erst Samstag während einer Zugfahrt nach Süddeutschland erfahren. Als ich die Facebook App auf meinem Handy öffnete, schlugen mir etliche Trauerbekundungen und Profilbilder, überzogen mit der französischen Flagge, entgegen. Da meine Internetverbindung im Zug sehr schwach war, konnte ich mir vorerst nur oberflächlich einen Eindruck über die Geschehnisse verschaffen und hatte keinen weiteren Zugriff auf ausführlichere Berichterstattung, sondern konnte bis dato nur die sehr emotionalen Posts und Kommentare meiner Bekannten und Freunde auf Facebook nachverfolgen. Das führte auch dazu, dass in mir ein großes Unbehagen, wenn nicht sogar Angst aufkam. Ich fühlte mich der Situation im Zugabteil sitzend und ohne Möglichkeit auf fundierte Berichte zurückgreifen zu können, ausgeliefert und es kamen mir sogar der Gedanke, fremde Fahrgäste anzusprechen, da ich das Bedürfnis hatte, zu reden. Ich entschied mich dann aber doch dafür, eine Freundin anzurufen. Sie konnte für mich dann rekonstruieren, was seit Freitag  passiert war. Nach dem Telefonat hatte ich dennoch nicht weniger Fragen in meinem Kopf und auch die Bedrücktheit wurde eher schlimmer. Alles schien mir absurd, irreal und nicht greifbar. Deswegen legte ich mein Handy auch erstmal beiseite, weil ich mich nicht weiter „verrückt“ machen wollte. Das war nämlich der Effekt, den ich bei mir beobachten konnte, während ich die Facebook Einträge überflog. Während des Wochenendes, das ich mit ein paar Freunden in einer eher ländlichen Region Süddeutschlands verbrachte, fernab von zirkulierenden Nachrichtenströmen in Berlin, reduzierte sich meine Mediennutzung fast gegen null. Ich vermied sowohl Nachrichten als auch Gespräche ganz bewusst, weil ich eine große Überforderung empfand und selbst noch nicht genug Informationen beziehen konnte und das Wochenende in vermeintlicher Idylle verbringen wollte.

Meine erste Reaktion deckt sich so ziemlich mit der anderer Seminarteilnehmer, wie ich in der Diskussion am Mittwoch erfahren habe. Um ehrlich zu sein, war es mir vor Beginn der Diskussion etwas unangenehm, dass ich mich noch nicht so ausführlich mit den Anschlägen und Hintergründen auseinandergesetzt hatte, weil es sich ja um ein einschneidendes Medienereignis handelt. Aber als ich gespiegelt bekam, dass auch andere die Auseinandersetzung auf die folgenden Tage verschoben hatte, legte sich das Gefühl. Während des Gespräches wurde für mich deutlich, dass ich oft in meinem Medienhandeln Selektionsschwierigkeiten beobachten kann und ich durch die Fülle an Angeboten vor allem über soziale Netzwerke teilweise erschlagen bin und dann teilweise zu einem Vermeidungsverhalten tendiere, weil ich über dieses Medium so keinen fundierten Überblick gewinnen kann. Gerade in den aktuellen Debatten zum islamistischen Terror und den Verhandlungen über die Geflüchteten-Thematik vermischen sich die Meinungsbilder zu einem teilweise Richtung Verschwörungstheorie tendierenden oder meiner Meinung nach überstürzten Urteilsspruch, der in die eine oder andere extreme Position schwankt. Ein Mischmasch, der in den ersten Tagen nach den Anschlägen schwer zu trennen war.

Anfang der Woche begann ich dann ausführlicher im Internet zu recherchieren und ganz bewusst auf Inhalte zurückzugreifen, denen ich nach meiner Einschätzung eine gewisse Seriosität zuspreche. So verfolgte ich zum Beispiel die Tagesschau-Ausgaben der vergangenen Tage in der ARD Mediathek nach oder griff auf Online-Beiträge der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurück. In der vergangenen Sitzung wurde darüber reflektiert, dass die  Fernsehberichterstattung den Eindruck der unmittelbaren Nähe zu den Ereignissen in Paris simuliert hätte. Diese Vorstellung des teilnehmenden Beobachters vorm Fernsehgerät erweckte in mir Widerstand und die Frage nach der Verantwortung der Medien. Da ich ganz bewusst und mit einem gewissen zeitlichen Abstand selektiv auf Informationen zurückgegriffen habe, kann ich keine genaue Einschätzung zu dem derzeitigen Diskurs geben, aber durch Beiträge aus dem Seminar und Erzählungen von Freunden wird mir doch deutlich, dass dieses Medienereignis schnell von verschiedenen politischen Interessengruppen instrumentalisiert wurde und auch die etablierten Medien sich auf der Jagd nach den eindringlichsten Bildern und Berichten an der Grenze zum Voyeurismus bewegen. Bei einem so sensiblen Thema eine derart sensationslüsterner Rhetorik und Bildauswahl zu treffen, scheint der momentan noch so aufgeheizten Situation keinen Gefallen zu tun. In Anlehnung an Niklas Luhmann würde ich mir jetzt schon eine Beobachtung zweiter Ordnung innerhalb des Mediendiskurses wünschen. Aus der Wechselwirkung zwischen den Beobachtern könnten sich so differenziertere Wahrnehmungen, wenn nicht sogar eine deeskalierend wirkende Berichterstattung ergeben.
 


Zur Autorin:

Meiken Hindenberg studiert im fünften Semester Regionalstudien Asien/Afrika (B.A., Humboldt-Universität zu Berlin). Innerhalb des Studiums interessiert sie sich besonders für gesellschaftliche Wandlungsprozesse in Indonesien und Indien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Meiken Hindenberg privat