Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Wissenstransfer in Japans Frühgeschichte. Die Übernahme chinesischer Kalendersysteme und -formate vom 7. bis 10. Jahrhundert

Vortrag von Dr. Gerhard Leinss, Humboldt-Universität
  • Wann 21.05.2015 von 18:15 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC200)
  • Wo Mori-Ôgai-Gedenkstätte, Luisenstr. 39, 10117 Berlin
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Die Einführung eines Kalendersystems braucht Zeit. Obwohl Datumsinschriften auf Schwertern, Spiegeln und buddhistischen Statuen belegen, dass das kontinentale Datierungssystem und verschiedene Kalkulationsverfahren seit dem 4. Jahrhundert in Japan bekannt gewesen sein mussten, ist davon auszugehen, dass erst in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts auf den japanischen Inseln ein Kalender in der Tradition des ostasiatischen Festlandes eigenständig kalkuliert, entworfen und verbreitet wurde. Rund ein Dutzend datierbare Kalenderfragmente, die in den vergangenen Jahrzehnten durch archäologische Ausgrabungen zutage kamen, sowie einige erhaltene Papierkalender erlauben uns inzwischen über den Inhalt und die mögliche Herkunft dieser frühen Ausgaben Aussagen zu treffen. Im Vortrag wird zunächst der generelle Kalendertypus vorgestellt, der in ganz Ostasien verbreitet war und sich dadurch auszeichnet, dass er Zeit nicht nur strukturiert, sondern ihre Einheiten wie Tage, Monate und auch ganze Jahre zusätzlich mit Qualitäten versieht und es Benutzern dadurch ermöglicht, günstige Phasen für die Planung allgemeiner oder spezieller Aktivitäten auszuwählen. Unter Zuhilfenahme überlieferter Texte und eines Vergleichs mit Kalenderfragmenten in chinesischer Schrift, die in Dunghuang und vor allem in Turfan entdeckt wurden, wird ferner gezeigt, dass in den Jahrhunderten der vier dokumentierten Kalenderreformen ein neues Format eingeführt wurde; allerdings wurde nur eines dieser vier nachweisbaren Formate und Kalendersysteme von japanischen Gesandt-schaften aus Tang-China überbracht. Es waren vielmehr hauptsächlich Gesandte von der koreanischen Halbinsel bzw. dem mandschurischen Königreich Bohai, die in Japans Frühgeschichte neuestes kalendarisches Wissen aus China nach Japan übermittelten.

 

Gerhard Leinss

Nach Sprachstudien Ende der 70er Jahre an der Sophia-Uni­versität in Tokyo, Studium an der Universität Tübingen mit Magister-Abschluss 1985 (Hauptfächer Japanologie und Sinologie) und Promotion in Japanologie (1993). Seit 1986 Lehr- und Forschungstätigkeit zunächst an der Universität Tübingen, später unter anderem an den Universitäten Trier, Hamburg, Humboldt-Universität zu Berlin und zuletzt am Department of East Asian Studies der University of Cambridge (2010-14) und dem der Universität angegliederten Needham Research Institute für ostasiatische Wissenschaftsgeschichte. Seit Oktober 2014 Gastprofessor für Japanologie am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität. Forschungsinteresse ist die Kultur- und Geistesgeschichte Japans im ostasiatischen Kontext, gegenwärtig mit einem epochenübergreifenden Schwerpunkt auf Zeitrechnung und Kalenderwesen.


Abbildungen
Vorder- und Rückseite des derzeit ältesten Kalenderfragments aus dem Jahr 689; Tusche auf Holz. Das Artefakt stammt aus einer Ausgrabung am Kiyomihara-Palast in Asuka, Zentraljapan, und befindet sich im Besitz des Nara National Research Institute for Cultural Properties.

 

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen Berlin statt.