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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Das Phänomen Dostum. Erzählungen und Kommentare

Prof. Dr. Ingeborg Baldauf

Die Kandidatur von General Abdurrashid Dostum für das Amt des Präsidenten von Afghanistan rief in der internationalen Presse viele negative Reaktionen hervor, obwohl die Kommission, welche jeden Kandidaten und jede Kandidatin zu prüfen hatte, keine Verstrickung in Verbrechen oder andere Ausschließungsgründe erkannt hat. General Dostums Chancen, bei der Präsidentenwahl einen der führenden Ränge und möglicherweise sogar den zweiten Wahlgang zu erreichen, sind gut. Was, könnte man sich angesichts der immer wieder geäußerten Vorwürfe zu seiner Politik und seiner Person fragen, bewirkt diese offensichtlich große Popularität? Was bringt ein auf den ersten Blick völlig inkohärentes, ja inkompatibles Menschengemisch aus früheren Kommunisten, Mujahidin, Angehörigen aller Ethnien Nordafghanistans, Bauern, Intellektuellen und Arbeitern, Säkularisten und tief religiösen Leuten und vor allem auch ganz vielen Frauen dazu, die Bewegung Junbishi Milliyi Islamiyi Afghanistan mit General Dostum an der Spitze zu unterstützen und sich für Dostum als Präsidenten einzusetzen?

In einem Erzählprojekt versucht Ingeborg Baldauf, dem "Phänomen Dostum" nachzugehen. Zwischen 1996 und Oktober 2004, also bis in den laufenden Präsidentschaftswahlkampf hinein, hat sie in Afghanistan Erinnerungen, Kommentare, Mythen und Analysen zusammengetragen, in denen der General selber, Personen aus seiner Umgebung, die militärische, gesellschaftliche und politische Tätigkeit der Junbish und allgemeiner die jüngere Geschichte Nordafghanistans thematisiert werden. Am Wort sind Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung; die verbindenden Texte sind Stellungnahmen einer Beobachterin, die mehrere Monate lang intensiv innerhalb der Junbish und in der unmittelbaren Nähe von General Dostum geforscht hat.

Wahlveranstaltung in Shibirghan, Oktober 2004 (Foto: I. B.)

Ein Ziel des Projekts ist, emische Erklärungsansätze dafür ans Licht zu bringen, warum ungeachtet der bekannten Einwände und Vorwürfe so viel Hoffnung mit der Bewegung Junbish und stark personalisiert mit ihrem Führer Abdurrashid Dostum verbunden ist. Das geplante Buch soll darüber hinaus allgemeiner zur Erforschung von Diskurs- und Mythenbildung unter den Bedingungen einer sehr stark durch mündliches Erzählen geprägten Gesellschaft beitragen.