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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Erinnern an Leben und Tod

 

Vom Umgang uzbekischer Männer mit Lebenserinnerungen

Mit Hilfe des GO EAST - Programmes war es mir möglich, mich vom Juni bis September 2004 als DAAD-Stipendiat der Aufgabenstellung "Erinnern an Leben und Tod - Vom Umgang uzbekischer Männer mit Lebenserinnerungen" in Taschkent und in Samarkand zuzuwenden. Das Verständnis von und der allgemeine kulturelle Umgang mit den Phänomenen "Leben" und "Tod" interessieren mich ebenso wie die unterschiedlichen individuellen Wahrnehmungen dieser beiden Begriffe durch die Uzbeken. Die Erinnerungen der Uzbeken an Vergangenes behandeln nahezu alle Lebensbereiche. Selten kam es vor, dass einer der Befragten nicht bereit war, über seine Erinnerungen zu sprechen.

 
Erinnerungsporträts Verstorbener, Juli 2004 (Foto: E. Y.)

Dank des Stipendiums konnte ich zum ersten Mal nach Uzbekistan reisen. Da ich in Uzbekistan niemanden kannte, musste ich Personen vor Ort für mein Vorhaben gewinnen. Oft scheiterten meine Bemühungen am Misstrauen. Jedoch gelang es mir mit der Zeit, Personen zu finden, die mich dann unterstützten.

Befragungen führte ich vorwiegend mit männlichen Uzbeken aller Altersklassen durch. Angehörige der kazachischen, kirgisischen, tatarischen und tadschikischen Minderheiten befragte ich ebenfalls.

Todesfälle, Geburten und Hochzeiten fanden in unmittelbarer Nähe meiner Unterkunft statt, so dass ich oft "ruxsat", eine Erlaubnis, dafür bekam, die Geschehnisse fototechnisch festzuhalten und Gespräche durchführen zu dürfen. Obwohl ich die Erlaubnis hatte, die Zeremonien während der Trauerfeierlichkeiten zu fotografieren, verzichtete ich darauf die Waschung der Toten und den Leichentransport zu fotografieren. Ich konnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, die Trauergemeinde zu stören. Begräbnisse, Totengebete, die Ausgabe von Essen an Trauergäste sowie die 40tägige Trauerzeit habe ich nicht nur mitverfolgt, ich war auch als Mitglied der Trauergemeinde mitten in das Geschehen involviert. Bei Geburten durfte ich ohne Probleme die feierliche Übergabe des Neugeborenen durch das Krankenhauspersonal an die Eltern und die Begrüßung des Neugeborenen durch Freunde und Verwandte im Elternhaus fotografieren. Auch hier wurden Gebete und Essensausgabe als Dank zelebriert.

Da ich in Taschkent oft mit dem Taxi unterwegs war, nutzte ich die Möglichkeit, Taxifahrer zu interviewen. Viele von ihnen erzählten während der Fahrt aus ihrem Leben, beispielsweise über die Stationierung in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik als Soldat der Roten Armee. Diese Lebenserinnerungen berücksichtigte ich im Zusammenhang mit meiner Aufgabenstellung.

Unterstützung bekam ich auch vom Ma´naviyat Verlag in Taschkent. Der Verlagsleiter, Herr Sunnat Ahmedov, bot mir seine Hilfe an, indem er mir uzbekische Literatur zum Thema "Leben und Tod" zur Verfügung stellte und diese auch kommentierte.

In Samarkand gelang es mir, die womöglich einflussreichste und reichste Familie im Samarkander Raum in ihrem Palast zu besuchen. Ich durfte die Familie nach ihrem Leben befragen, wie sie zu diesem Reichtum gelangt ist und wie dieser Reichtum eingesetzt wurde und wird, um das politische und das gesellschaftliche Handeln zu beeinflussen.

Bei der Durchführung meiner Arbeit gab es in Uzbekistan viele Probleme. Die Begriffe "ruxsat" - "ruxsatnoma", Erlaubnis - schriftliche Erlaubnis (schriftliche Genehmigung) waren Wörter, mit denen ich in Uzbekistan oft konfrontiert wurde. So durfte ich nicht in die Staatliche Universität Taschkent, da Ferienzeit war. Eine Erlaubnis, die Universität von innen zu betrachten, gar die Bibliothek zu sehen, wurde mir nicht erteilt.

Meine Anwesenheit und meine Befragungen im Taschkenter Stadtteil Sebzor wurden durch die lokale Miliz (Polizei) erheblich gestört. Ich war zudem bei einigen Menschen in der Nachbarschaft, die womöglich die lokale Miliz bedrängten, mich aus dem Stadtteil auszuweisen, als Störfaktor angesehen. Aber nach Vorlage aller für meinen Aufenthalt notwendigen Unterlagen und dank der Unterstützung der Bewohner von Sebzor, die sich für mich einsetzten, konnte ich meine Arbeit letztlich doch fortsetzen.