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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Veröffentlichung: Jaghnob 1970. Erinnerungen an eine Zwangsumsiedlung in der Tadschikischen SSR

Reichert Verlag Wiesbaden 2005 

 

In den Jahren 1970 und 1971 wurden die Jaghnobi, eine Bevölkerungsgruppe mit eigener Sprache und Kultur, aus dem ca. 80 Kilometer nördlich von Duschanbe gelegenen Jaghnobtal zwangsweise in die Baumwollsowchosen von Zafarobod umgesiedelt. Bei den Bewohnern des Jaghnobtals handelte es sich um etwa 3500 Personen. Vor ihrer Umsiedlung lebten sie in 29 Dörfern des abgelegenen Hochgebirgstals und betrieben in zwei Kolchosen organisiert Land- und Weidewirtschaft. Bereits seit den 1920er Jahren und verstärkt in den Jahrzehnten vor und nach dem zweiten Weltkrieg war es staatliche Strategie, die Bevölkerung aus den Gebirgsregionen der Republik Tadschikistan in die neu erschlossenen Baumwollanbaugebiete im Steppentiefland umzusiedeln. Die massenhaften Umsiedlungen der Bevölkerung innerhalb der TagSSR waren jedoch entgegen ihrer weitreichenden Folgen für die tadschikische Gesellschaft bisher kaum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Für die Bergbewohner waren die Umsiedlungen meist mit großem persönlichem Leid und dem Verlust traditioneller Lebens-, Produktions- und Organisationsformen verbunden. Das besondere an der Umsiedlung der Jaghnobi ist der späte Zeitpunkt dieser Zwangsmaßnahme. Sie gehört in den Kontext der Maßnahmen der Ära Brezhnev, die primär auf die Stärkung der Wirtschaftskraft der zentralasiatischen Republiken abzielten und zugleich eine bessere gesellschaftliche Integration erreichen sollten. Beide Ziele müssen im Fall der Jaghnobi als gescheitert angesehen werden.

Die äußerst kurzfristig geplante Umsiedlung der Jaghnobi begann im Frühjahr 1970. Im Herbst 1971 war das Tal menschenleer. Aufgrund der schwierigen Lebens-und Arbeitsbedingungen in den Baumwollsowchosen kehrten ab 1975 einige Familien illegal wieder nach Jaghnob zurück. 1978 wurden diese Familien ein zweites Mal umgesiedelt. Eine zweite Rückkehrwelle in das Tal setzte Anfang der 1980er Jahre ein. Heute leben im Jaghnobtal in 17 Dörfern wieder 80 Familien. Die restlichen Dörfer des Tals und deren Bewässerungssysteme sind vollständig zerstört, und eine Rückkehr ist für die vielen noch in Zafarobod lebenden Jaghnobifamilien kaum möglich. Vor allem auch deshalb, weil kaum jemand aus der Generation der in Zafarobod Geborenen bereit ist, das Leben dort für ein hartes und entbehrungsreiches Leben im Hochgebirge aufzugeben.

Ziel der Magisterarbeit war es, die Geschichte der Zwangsumsiedlung der Jaghnobi auf der administrativen und der Erfahrungsebene zu rekonstruieren. Dabei werden in zeitlicher Perspektive die Vorgeschichte und die einzelnen Phasen der Durchführung bis hin zur heutigen Lebenssituation der umgesiedelten Personen aufgearbeitet. In diskursiver Hinsicht wird das Spektrum offizieller Erklärungs-, Täuschungs- und Legitimationsversuche bis hin zu verschiedenen Schattierungen der reflektierenden Selbstwahrnehmung auf Seiten der Betroffenen abgedeckt und das Verhältnis und die Interaktion von Staat und "einfacher" Bevölkerung beschrieben. Handlungsräume der Republiks- und Lokalpolitik werden dabei ebenso sichtbar wie Strategien der Umsiedler zwischen Anpassung und Verweigerung. Hierzu konnte ich auf die im Tadschikischen Staatsarchiv zugänglichen Akten verschiedener Entscheidungsebenen der sowjettadschikischen Administration ebenso zurückgreifen wie auf zeitgenössische, offizielle Darstellungen der Umsiedlung in der staatlichen tadschikischen Presse. Zentraler Quellenfundus sind jedoch die Erinnerungen der von dieser Umsiedlung betroffenen Jaghnobi, die in Form von halboffen geführten lebensgeschichtlichen Interviews aufgezeichnet und in die Arbeit integriert wurden. Durch die Vorgehensweise einer Aktengestützen Oral History sollte eine einseitige, allein die Seite der Macht repräsentierende Darstellung der Ereignisse vermieden werden.